BIID - DACH
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Einführung für Angehörige: Was ist BIID eigentlich?

Sie haben vielleicht von einem Ihnen lieben Menschen erfahren, dass er „BIID" hat oder genauer, dass er die tiefe Sehnsucht erlebt, in einem veränderten Körper zu leben, beispielsweise durch eine Amputation.

Verstehen können Sie das vermutlich nicht. Auch die Betroffenen tun sich sehr schwer damit. Und die Wissenschaft hat bis jetzt nur wenige Erkenntnisse gesammelt. Ganz wenige Forscher nur befassen sich mit dem Phänomen, und das auch erst seit einigen Jahren.

Wichtig ist für Sie vielleicht, dass mit großer Sicherheit gesagt werden kann: BIID ist keine Geisteskrankheit. Alle Betroffenen, die untersucht worden sind, haben sich als seelisch und geistig gesund erwiesen. Es gibt kein bestimmtes Muster, keine „BIID-Persönlichkeit“.

Man weiß nicht, wo BIID herkommt. Es gibt darüber sehr viele Theorien, aber keine Beweise oder Belege für sie. Möglicherweise wird man nie wissen, was die Ursache ist. (Das ist bei sehr vielen solchen Phänomenen so.)

Es ist sehr sehr schwierig, die Gefühle zu beschreiben, die man als „BIID“ bezeichnet. Sie finden hier einige Beschreibungen von Betroffenen. „Sehnsucht“, „Wunsch“, „Gefühl“ sind alles Wörter, die Sie sicher auch oft benutzen. Sie wissen, was eine Sehnsucht ist. Sie haben Wünsche. Aber die sind für Sie nicht so wichtig, beeinträchtigen Ihr Leben nicht so stark. Und wenn ein Wunsch nicht erfüllt wird, dann ist das für Sie vielleicht kein Problem.

Bei BIID ist es meistens anders. Es gibt nur keine Wörter, mit denen man es wirklich beschreiben kann. Versuchen Sie mal, den Geschmack von Schokolade genau zu beschreiben. Das ist schon schwer genug. Oder wie fühlt es sich an, wenn Sie verliebt sind?

BIID ist eine sehr starke und tiefe Sehnsucht. Sie ist oft stärker als fast alle anderen Gedanken und Gefühle. Viele Betroffene denken alle paar Minuten daran, wie sie die gleiche Sache machen würden, an der sie gerade sind, wenn das Bein ab wäre oder... Beispiele: Jedes Mal, wenn man sein Bein sieht oder spürt, wird man wieder daran erinnert, dass es eigentlich gar nicht da sein sollte. Sogar bei einer Tätigkeit, die man genießt und bei der man sich freut, kommen solche Gedanken, wie viel schöner wäre es, das jetzt einbeinig oder einarmig zu tun… Deshalb ist es für sie manchmal schwierig, sich zu konzentrieren. Vielleicht wirkt man wie ein bisschen entfernt, oder als ob man nicht richtig zuhört.

Schwer ist für viele auch, dass sie sich selber Vorwürfe machen. Schuldgefühle, Scham, und dazu kommt noch die Angst. Wenn die anderen wüssten, dass ich so bin, würden sie mich dann ablehnen? Oft versucht man jahrelang, immer wieder, die Gedanken und die Sehnsucht zu verscheuchen oder zu unterdrücken. Und wenn sie dann doch wieder kommen und man fast an nichts anderes mehr denken kann, fühlt man sich schuldig und als Versager.

Man führt ein doppeltes oder dreifaches Doppelleben: Innen drin, in der inneren Wirklichkeit, ist man „behindert“ (einarmig, einbeinig, gelähmt oder sonst etwas), außen, wo man nur halb lebt, ist man „gesund“. Einen Teil der Zeit hat man Kontakt mit anderen BIID-Betroffenen; vielleicht lebt man seine Sehnsucht sogar ersatzweise in Phantasien aus, sucht Rollenvorbilder und informiert sich genau über alles, was mit der ersehnten Körperveränderung („Behinderung“) zusammenhängt. Aber die meiste Zeit versucht man, ein möglichst normaler Mann, eine möglichst normale Frau zu sein und sich nichts anmerken zu lassen. Und viele verdrängen ihre Sehnsucht, wollen sie nicht wahrhaben, kämpfen gegen sich selbst; aber sie kommt doch immer wieder. Das kostet unheimlich viel Kraft. Und es führt zu nichts.

„Wie kann man sich nur wünschen, behindert zu sein?“ Das fragen Sie vielleicht. Menschen mit BIID wünschen sich eben nicht, „behindert“ zu sein, sondern ganz, nicht verstümmelt, sondern erst ganz. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der einbeinig auf die Welt gekommen ist. Ist er behindert – oder machen die anderen ihn dazu? Er kennt sich ja nicht anders, er war schon immer so. Er ist nur anders, und davor haben wir Angst, damit können wir oft schlecht umgehen.

Es gibt gar nicht so wenige Menschen mit BIID, die es geschafft haben, ihren Körper anzupassen. In allen uns bekannten Fällen sind diese Menschen glücklich, ein für allemal frei von BIID. Sie wollen auch keine weiteren Operationen (wenn sie genau die Körperform erreicht haben, die sie schon immer als ihre „eigentliche“ erlebt haben).

Wenn Sie Ihrem Partner oder Freund zeigen könnten, dass Sie ihn auch mit einer „Behinderung“ akzeptieren, mögen, vielleicht sogar lieben könnten, dann wäre das ein sehr großes Geschenk. Aber das können Sie auch nicht erzwingen.

Wenn man BIID mit irgendetwas vergleichen kann, dann vielleicht mit Transsexualität. Auch da wünschen sich Menschen intensiv, in einem anderen, veränderten, „richtigeren“ Körper zu leben. Und auch sie können sich diesen Wunsch nicht abtrainieren. Wenn es eine geschlechtsanpassende Operation gibt, sind die allermeisten Transsexuellen in ihrem veränderten Körper glücklich: endlich angekommen. Vor der Operation, sagen viele, haben sie im „falschen Körper“ gelebt. Als hätte ihr Körper gelogen. Das empfinden viele BIID-Betroffene sehr ähnlich. Allerdings gibt es noch keine wissenschaftliche Arbeit über die Ähnlichkeiten und Unterschiede von BIID und Transsexualität (auch „GID“ genannt = Gender Identity Disorder = Geschlechts-Identitäts-Störung). Möglicherweise zeigt die Behandlung für Transsexuelle aber einen Weg auch für BIID-Betroffene.



Was kann man als Angehöriger tun?

Der Mensch, wegen dem Sie sich hier informieren, schämt sich vielleicht sehr dafür, so „verrückt“ zu sein, sich so etwas „Unmoralisches“ zu wünschen. Er weiß vielleicht nicht, was er tun soll, ist innerlich zerrissen und verzweifelt. Niemand kann ihm wirklich helfen. Die Sehnsucht bleibt. Und es gibt keine wirklich sichere Möglichkeit, die Sehnsucht zu verwirklichen (keine Möglichkeit zur Operation).

Was braucht der Betroffene in dieser Lage? Am meisten: dass Sie versuchen, ihn zu nehmen wie er ist, ohne zu urteilen. Geben Sie keine Ratschläge, sondern fragen Sie lieber. Sprechen Sie offen darüber, das hilft meistens. Hören Sie zu, ohne zu bewerten.

BIID ist Stress. Es nagt, es zehrt Kräfte auf. Versuchen Sie, den Alltag ohne Stress zu gestalten, so gut es geht. Lassen Sie Ihrem Partner/Freund Freiräume. Seien Sie einfach da. Sie müssen nichts Besonderes machen.

Machen Sie sich immer klar: Für den Betroffenen ist das, was Sie vielleicht als „Verstümmelung“ sehen, überhaupt keine Behinderung, sondern das Gegenteil. Vielleicht können Sie es so sehen: Jetzt ist der Betroffene seelisch behindert. Wäre die körperliche Behinderung wirklich so viel schlimmer?

Vielleicht haben Sie eine gewisse Scheu vor dem Thema „Behinderung“? Dann könnten Sie sich mehr darüber informieren, wie „Behinderte“ wirklich leben. Die meisten leben ganz normal und so glücklich oder unglücklich wie alle anderen Menschen. Nur eben machen sie ein paar Sachen anders.

Und wenn Sie selber Rat suchen, hier gibt es ein Forum für Angehörige. Sie können auch im Forum für Betroffene vorbeischauen, wenn Sie ein bestimmtes Anliegen haben (bitte geben Sie das bei der Anmeldung an). Auch Sie können mit Therapeuten und Wissenschaftlern Kontakt aufnehmen, siehe Links. Und in den anderen Abteilungen der Website biid-dach.org können Sie weitere Informationen finden.